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Deutschland einig Raucherland

Mittwoch, Februar 28th, 2007

Warum nur funktioniert der Raucherschutz in diesem Land so gut? Müssen Nichtraucher denn wirklich in irgendwelche Ecken abgedrängt werden? Warum kann ich mir ein Restaurant nicht danach aussuchen, was es dort zu essen gibt, oder wie es drinnen aussieht, oder mit wem ich dort hin gehen möchte? Warum muss ich immer erst rückwärts wieder herausfallen, um zu merken, dass ich die dicke Luft darin heute abend doch nicht mehr mit der Machete zertrennen möchte?

Natürlich kann ich Stammgast im Café Ignaz in München werden, dem wahrscheinlich ohnehin besten Restaurant/Café/Konditor in der Stadt. Aber vielleicht möchte ich ja auch in anderen Städten hin und wieder mal ausgehen. Oder auch einfach mal zum Italiener oder zum Türken um die Ecke gehen. Zumindest in Italien gibt es inzwischen Gesetze, die mir das erlauben würden. Aber der Italiener in Italien ist eben nicht gerade um die Ecke.

Was mache ich zum Beispiel, wenn mal ein Geschäftsessen ansteht? Natürlich kann ich vorher quer durch die Stadt telefonieren und irgendwie versuchen, ein halbwegs akzeptables Restaurant zu finden. Um dann zu merken, dass entweder ich oder mein Gegenüber mit der Küchenwahl nichts anfangen kann. Und der Koch des 20qm Lokals auch nicht gerade auf die Schnelle mal das Menü umstellen kann.

Ich habe das Gefühl, Restaurants in diesem Land haben gar keinen Anreiz zum Nachdenken, weil sie sich sowieso alles erlauben können. So sind beispielsweise in den letzten Jahren die Preise in ausgewählten Lokalitäten dermaßen exorbitant gestiegen - und die Küche musste trotzdem nicht schließen. Stecken die wirklich so viel Geld in Marketing? Neulich war ich in Bonn im Opera, einem türkischen Restaurant nahe der Oper. Dort gibt es einen gemischten Vorspeisenteller ab zwei Personen, der mit 8 Euro zu Buche schlägt. Pro Person, versteht sich. Und weil die türkische Spezialitätenküche ja für ihre guten Vorspeisen bekannt ist, schlägt mensch dort natürlich auch gerne zu. Und muss sich doch etwas wundern, wenn dann ein schmales, längliches Tellerchen zentral auf dem Tisch plaziert wird, mit einer Messerspitze einzeln abgezählter Eisbergsalathäcksel, fünf Champignons, zwei geschnittene Auberginenscheiben mit Soße und noch ein paar einzeln abgezählten Leberbällchen. Nicht gerade die bekanntesten Spezialitäten der türkischen Küche - aber auch nicht gerade das, was mensch so für 16 Euro erwartet. Klar, dass es dafür am Ende auch noch ordentlich Trinkgeld gibt.

Muss ich erwähnen, dass dieses Lokal natürlich über eine Nichtraucherecke verfügt? In der sich einem schon vom Nasenöffnen der Magen verdreht, weil die kaum merkliche Lüftung sich mit Kraft daran macht, aus dem offenen Raucherbereich nebenan den Giftmüll im ganzen Raum gleichmäßig zu verteilen.

An solchen Abenden fällt mir eigentlich nichts mehr ein. Wie viele Monate kann ein Mensch ohne Nahrung überleben? Und wie viele Minuten ohne Luft? Sollte da nicht irgendwo mal eine Priorisierung stattfinden?

Ach ja, natürlich. Die findet ja statt. Neulich im Insel-Hotel in Bad Godesberg. “Ich bin heute Nacht aufgewacht, weil in meinem Nichtraucherzimmer der Rauch in Schwaden unter der Tür durchgezogen ist.” - “Oh, das tut uns natürlich leid. Von hier unten aus der Bar kam es ganz bestimmt nicht, das zieht ja nicht bis da oben rauf.” - “Haben Sie schonmal darüber nachgedacht, das Hotel insgesamt rauchfrei zu machen, nicht nur einzelne, handverlesene Zimmer?” - “Na, ich bin ja selbst Nichtraucher. Aber das würden unsere langjährigen, rauchenden Kunden nicht mitmachen. Sie hätten hören sollen, wie die sich beschwert haben, als wir den Frühstücksraum rauchfrei gemacht haben.” Moment, der Frühstücksraum? Der war nicht immer rauchfrei? Und was heißt eigentlich rauchfrei, wenn direkt daneben der Bar-Bereich ist, von dem aus noch der Gestank des letzten Abends herüber zieht? “Wir fänden es ja auch besser, wenn die Regierung das durchsetzen würde.” - “Was ist eigentlich mit der freiwilligen Selbstverpflichtung des Gastronomieverbandes?” - “Ja, die wollten das ja auch machen.” Aha. ‘Die’. Klar. Na ja, die Priorisierung hatte ich dann doch verstanden.

Ist es denn so falsch, zu meinen, dass Tabakrauch in der Lunge von Rauchern wesentlich besser aufgehoben ist als in der von Nichtrauchern? Sollte es da nicht so etwas geben wie ein Recht auf Selbstbestimmung? Ich meine, eines, wo ich auch ernsthaft entscheiden kann, weil ich die Wahl habe. Und mit Wahl meine ich nicht: “gehe ich essen oder nicht”, sondern schon so etwas wie: “wo würde ich heute mal gerne hingehen?”.

Da müssen sich noch viele Prioritäten verschieben, bis daraus etwas wird…