Der Facebook-Effekt, oder: warum Wahlergebnisse uns heute wieder überraschen

Die meisten Leute haben schon mal vom "Kleine-Welt-Phänomen" gehört. Es erklärt verschiedene Alltagseffekte, unter anderem die Überraschung, in einer noch so unmöglichen Situation jemanden zu treffen, mit dem oder der ich in irgendeiner Verbindung stehe, ohne uns schon jemals begegnet zu sein. Sei es die Existenz eines gemeinsamen Bekannten, eine ähnliche Herkunft, oder ein gemeinsames Ereignis in der Vergangenheit. Technisch gesprochen beschreibt es die Eigenschaft eines Netzwerks (oder Graphen), dass jeder Knoten mit allen anderen Knoten über einen extrem kurzen Pfad in Verbindung steht. Dies trifft oft auf menschliche Bekanntschaftsverhältnisse und soziale Netzwerke zu, bei denen die Entfernung zwischen zwei beliebig herausgegriffenen Menschen meist weniger als 7 Zwischenschritte über einander Bekannte beträgt.

Insbesondere in den heute sogenannten Sozialen Netzwerken im Internet wird diese Eigenschaft geradezu zelebriert. Da es so einfach ist, mich mit irgendwelchen Menschen (oder zumindest irgendwelchen Accounts) irgendwo auf der Welt zu vernetzen, bilden diese Netzwerke sehr ausgeprägte Kleine-Welt-Graphen. Hier ist jeder andere Teilnehmer wirklich nur ein paar Netzwerkklicks entfernt. Die totale globale Vernetzung. Endlich wächst die Menschheit zusammen. Oder?

Oft wird dabei vergessen, dass es noch einen zweiten Aspekt solcher Graphen gibt. Das eine ist die minimale Entfernung zu jedem Knoten durch den gesamten Graphen hindurch. Das andere ist jedoch die Menge der direkten Verbindungen jedes einzelnen Knotens. Gerade in den Sozialen Internetnetzwerken ist es so einfach, neue Verbindungen zu erstellen und so neue "Freunde" zu gewinnen, dass ich mich sofort mit allen vernetzen kann, die mich irgendwie interessieren oder denen ich in irgendeinem positiven Sinne begegne. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass die zweite Ebene, die der "Freunde" meiner "Freunde", eigentlich gar nicht mehr relevant ist. Ganz zu schweigen von der dritten und allen weiteren. Denn mit allen "Freunden" meiner "Freunde", die mich interessieren, kann ich mich ja auch direkt verbinden. Was ich ja auch mache. Damit werden es meine direkten "Freunde".

Aber wen nehme ich in den Kreis meiner eigenen "Freunde" auf? Wem "folge" ich in diesen Sozialen Netzwerken? Natürlich Menschen (oder Accounts), die so denken wie ich, mit denen ich mich im Einklang befinde, die mir gefallen. Aber verbinde ich mich auch mit Menschen, die anders denken als ich? Die nicht meine politischen Ansichten teilen? Die mir widersprächen, wenn ich nur mit Ihnen redete? Oder deren Ausdrucksweise nicht meiner sozialen Schicht entspricht? Prolls? Sozen? Rechtsradikale? Kinderschläger? EU-Gegner? Warmduschpropagandisten?

Warum sollte ich mir das antun? Wenn die "Freunde" meiner "Freunde" so etwas tun, dann sollen sie das eben. Aber meine "Freunde" werden sie damit nicht. Vielleicht lese ich mal einen Kommentar von diesen Leuten und rege mich darüber auf, aber das reicht ja dann auch wieder. Jeden Tag brauche ich das jedenfalls nicht.

Es zeigt sich also relativ schnell, dass diese Sozialen Internetnetzwerke einen Effekt verstärken, der Gleiches im Gleichen sucht und Anderes ausgrenzt. Eine moderne Form der Ghettoisierung. Die Welt mag noch so klein sein, der kürzeste Pfad zu allen Menschen auf der Welt noch so kurz - mir reicht die eine, direkte Verbindung zu denen, die meiner Meinung sind.

In Wirklichkeit wächst die Menschheit nicht zusammen. Nur die Trennlinien verlagern sich. Weg von Wohnort und Aussehen, hin zu Verhalten, Bildungsniveau und sozialen Unterschieden. Und die Trennung verstärkt sich. Warum sollte ich mit "Freunden" meiner "Freunde" überhaupt reden, die ich nie zu meinen eigenen "Freunden" machen würde?

Es gibt viele Menschen, gerade junge Menschen, die Ihren Medienkonsum größtenteils oder sogar komplett von den klassischen Medien Zeitung und Fernsehen weg in Soziale Internetnetzwerke verlagert haben. "Meine Freunde werden mich schon auf dem Laufenden halten", ist oft der Tenor dahinter. Wenn etwas passiere, dann kriege man das ja auch so mit. Sicherlich. Aber man läuft eben auch Gefahr, die "Nicht-Freunde" und ihre Meinungen auszublenden. Die Anderen. Die, mit denen ich mich nie direkt vernetzen würde. Weil sie eben nicht meiner Meinung sind. Weil sie eine Meinung vertreten, die ich ablehne. Die ich nicht hören möchte. Die ich ausblende. Die nicht der Meinung meiner "Freunde" entspricht. So funktionieren nicht nur die sozialen Netzwerke um einen Anders Brevik herum oder die von Pegida. Selbstselektierende Zugehörigkeit und Ghettobildung ist eine grundlegende Eigenschaft Sozialer Netzwerke im Internet, egal welcher Art die jeweiligen Auswahlkriterien sind.

Eine entscheidende Tatsache, die wir bei der Abstimmung über den Ausstieg Britanniens aus der EU am 23. Juni 2016 gesehen haben, war die geringe Beteiligung junger Wähler. Nur ein Drittel der unter 25-jährigen sind überhaupt zur Abstimmung gegangen. Und nur die Hälfte der 25- bis 35-jährigen. Obwohl gerade diese Altersgruppen über Austauschprogramme, Reisefreiheit und den offenen Arbeitsmarkt am stärksten von der EU-Mitgliedschaft profitieren und im Vergleich zu den stark engagierten über-65-jährigen noch sehr, sehr lange davon profitiert hätten. Noch den größten Teil ihres gesamten Lebens.

Es gibt eine gute Erklärung dafür: falsche Sicherheit. Viele Menschen der jungen, gut ausgebildeten Altersgruppen dürften im Internet gut untereinander vernetzt sein, aber wenig direkte Kontakte zu deutlich älteren oder sozial benachteiligten Menschen haben. Also eine Ghettoisierung nach Altersklassen und sozialer Herkunft. In solchen Ghettos kann schnell der Eindruck entstehen, sich nicht für etwas engagieren zu müssen, weil ja alle der gleichen Meinung sind. Die Mehrheiten scheinen bereits vorab festzustehen und da sie in meinem Sinne ausfallen, fühle ich mich als Ghettobewohner heimelig und wohlig davon umhüllt und verliere den Druck, mich selbst für etwas einsetzen zu müssen. Meine Mehrheit wird schon richtig entscheiden, mir selbst ist das Wetter heute zu schlecht oder der Besuch eines Konzerts zu wichtig, um raus zur Abstimmung zu gehen.

Es gibt weitere schöne Beispiele für diesen Effekt. So hatte bei den Vorentscheidungen zur Präsidentschaftswahl in den USA 2004 der Kandidat Howard Dean fast ausschließlich auf Internetaktionen gesetzt und darüber seine Kampagne organisiert. Dadurch erzielte er eine hohe Sichtbarkeit unter seinen Anhängern, unter Journalisten und anderen Nutzern dieser Medien. Erst bei den ersten Vorwahlen zeigte sich dann, dass diese hohe Sichtbarkeit in Internetkampagnen und die dort erzielten hohen Umfragewerte sich nicht in den realen Wahlergebnissen niederschlugen. Ein klarer Fall von Selbsttäuschung innerhalb des eigenen Ghettos.

Inzwischen zeigen einige Studien, dass Menschen, die in Sozialen Internetnetzwerken aktiv sind, sich deutlich weniger in ihrem realen Umfeld engagieren. Dass sie leicht das Klicken auf einen "Mag ich"-Knopf mit gesellschaftlichem Engagement verwechseln. Warum an einer Demonstration teilnehmen, kraftraubene Diskussionen mit Andersdenkenden führen, oder betroffenen Menschen mit Spenden und Taten helfen, wenn ich meine Meinung auch durch einen Klick auf einen Knopf oder das schnelle Unterzeichnen einer Petition "zeigen" kann? "Bin" ich wirklich Charlie, Paris, Brüssel, Istanbul, Aleppo oder Bagdad, nur weil ich im Internet auf einen Knopf geklickt habe? Oder weil ich mit einem Hashtag "ein Zeichen gesetzt" habe? Und für wen habe ich diesen Klick vollbracht? Für die betroffenen Menschen? Wirklich? Nicht doch eher für meine "Freunde", die mein "Zeichen" sehen, die ich dadurch wohlig umhülle und zu denen ich mich durch mein Zeichen zugehörig fühlen kann? Was nützt einem Verwundeten in Bagdad mein Klick auf den "Mag ich"-Knopf der Ärzte ohne Grenzen?

Wir müssen wieder verstehen und akzeptieren, dass Pluralismus und Meinungsvielfalt einer Symmetrie unterliegen und nicht nur etwas sind, was die betrifft, die anderer Meinung sind. Wo es Menschen gibt, die anderer Meinung sind, bin auch ich ein Mensch mit einer anderen Meinung. Nicht einmal, wenn eine dieser Meinungen grundlegenden Werten wie den Menschenrechten widerspricht, kann ich mir sicher sein, dass sie nur von "Idioten" und "Außenseitern" propagiert wird. Auch diese Kategorien sind nur subjektive Begriffe.

Das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit zu verteidigen bedeutet zuerst einmal, andere Meinungen überhaupt wahrzunehmen und ihre Existenz zu akzeptieren. Als zweites, Toleranz gegenüber den Menschen zu zeigen, die sie vertreten. Und erst an dritter Stelle steht mein Recht, den Meinungen offen zu widersprechen, die sich nicht mit meiner decken, besonders, wenn sie meinen Überzeugungen widersprechen. Aber da steht auch die Pflicht zu widersprechen, wenn diese Meinungen sich gegen Menschen und Minderheiten richten. Denn jede artikulierte Meinung muss sich auch am ersten Artikel unseres Grundgesetzes messen lassen. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Die Meinungsfreiheit stellt es natürlich jeder/m Einzelnen frei, andere Menschen und ihre Meinungen zu ignorieren. Sie ist aber keine Einladung dazu, sich in Ghettos einzukuscheln und nicht mehr miteinander zu reden. Sie darf niemals dazu führen, dass ganze Bevölkerungsgruppen sich gegenseitig ignorieren. Eine Demokratie lebt nur in Diskussion und Austausch. Den Dialog abzubrechen führt geradewegs in die Ghettoisierung, zu Tunnelblick und Radikalisierung. Und zu unerwarteten Wahlergebnissen.